Wilhelm Manchot (1869 – 1945)

Wilhelm Manchot

Ein Jahr später, im Oktober 1914, wurde Wilhelm Manchot, Privatdozent für Chemie an der Universität Göttingen, auf die „Ordentliche Professur für Anorganische Chemie, der Allgemeinen Experimentalchemie und der Analytischen Chemie einschließlich der Grundzüge der Physikalischen und Organischen Chemie“ berufen.

Manchot hatte sich einen Namen auf dem Gebiet der Oxidationschemie erworben. Bereits im Jahre 1900 hatte er „Über freiwillige Oxidation. Beiträge zur Kenntnis der Autoxydation und Sauerstoffaktivierung“ publiziert. Das war seine Habilitationsschrift (vgl. Abbildung). Die Begründung der Metallcarbonyl-Chemie war sein wichtigster wissenschaftlicher Verdienst für die Technische Universität München.

Die Titelseite der Habilitationsschrift von Wilhelm
Manchot aus dem Jahre 1900. Die Arbeit entstand an
der Universität Göttingen und erschien im Buchhandel.

Wilhelm Manchot wurde im Jahre 1869 in Bremen geboren. Sein Vater war der Pfarrer Dr. Carl Manchot, der sich später als Herausgeber des deutschen Protestantenblattes einen Namen machte. Auch der Großvater Johann Daniel Manchot war evangelischer Pfarrer gewesen. Der junge Manchot besuchte das Gymnasium Johanneum in Hamburg. Anschließend studierte er Chemie in Straßburg und München. Am 26. Juli 1895 wurde er, 26jährig, im Institut des großen Adolf von Baeyer promoviert. Die Dissertationsarbeit – über Triazolverbindungen – betreute der Baeyer-Schüler Johannes Thiele. Einige Jahre später (1899) habilitierte sich Wilhelm Manchot an der Universität Göttingen über die Aktivierung des Sauerstoffs bei Oxidationsprozessen. Die Arbeit weist bereits in die Anorganische Chemie als dem zukünftigen Arbeitsschwerpunkt. Diese Ausrichtung vertiefte Manchot durch einen Auslandsaufenthalt 1902/03 an der Sorbonne in Paris bei Henri Moissan: Beim Entdecker des Elements Fluor, der erstmals auch reines Titan hergestellt hatte (1895), arbeitete Manchot über die Chemie der Metallsilicide. Daraufhin wurde er im Jahre 1903 außerordentlicher Professor an der Universität Würzburg.

Im Jahre 1914 tritt er in München als „Ordentlicher Professor für Anorganische Chemie, der Anorganischen Experimentalchemie und der Analytischen Chemie einschließlich der Grundzüge der physikalischen und Organischen Chemie“ die Nachfolge von Wilhelm Muthmann an. Im Jahre 1927 wurde Manchot Geheimer Regierungsrat, 1929 Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, 1935 erfolgte die Emeritierung. 10 Jahre später, am 28. Oktober 1945, verstarb Wilhelm Manchot im Alter von 76 Jahren. Seine Frau, mit der er seit 1905 verheiratet war, überlebte ihn um 26 Jahre (1961). Aus der Ehe gingen 4 Söhne hervor, darunter Willy Manchot (gestorben 1985), der sich als Chemiker und Verwaltungsratsvorsitzender der Firma Henkel einen Namen machte.

Das Leben von Wilhelm Manchot (1869/1945) ist eingerahmt vom deutschfranzösischen Krieg 1870/71 mit der Kaiserproklamation 1871 (Rückführung von Elsaß-Lothringen und seiner Hauptstadt Straßburg) und dem zweiten Weltkrieg. In die Mitte des Forscherlebens von Wilhelm Manchot fällt der erste Weltkrieg, der viele negative Folgen für die Wissenschaft brachte. Und so war Manchots zweite Lebenshälfte arm an äußeren Ressourcen, jedoch reich an innerer Originalität im wissenschaftlichen Werk.

Allein die Wahl des Studienorts Straßburg zeigt, dass es dem jungen Manchot auf mehr als ein bloßes Chemiestudium ankam. Die Zeit der Reichsgründung hatte die Neugründung der Universität Straßburg auf persönliche Initiative Bismarcks gebracht. Im „System Althoff“ sollte Straßburg nach dem Berliner Vorbild zur überragenden Reichsuniversität ausgebaut werden. Für Althoff war das Hochschulwesen ein zentral organisierter und gelenkter „Großbetrieb“, der die Tradition des liberal-preußischen Kulturstaats in der Wissenschaftspflege fortführen und die Freiheit von Lehre und Forschung verteidigen sollte. Die Universitätsidee war also Bestandteil der neuen Reichskonzeption. Bald sprach man vom „Straßburger Geist“, der in der ersten selbstständigen naturwissenschaftlich-mathematischen Fakultät wehte. Er war dadurch gekennzeichnet, dass seit der deutschen Romantik zum erstenmal die Naturwissenschaften und die wissenschaftlich beeinflußte Medizin einen eigenen Stellenwert hatten.

Straßburg erlebte auch in der Chemie brillante Lehrstuhlbesetzungen: Der junge Adolf Baeyer kam aus Berlin, es gesellten sich Julius Weiler und Edmund ter Meer sowie Friedrich Engelhorn dazu. Bei Baeyers Nachfolger Rudolf Fittig hat Manchot wohl seine ersten Chemievorlesungen gehört. Alle sollten sie die Entwicklung der jungen chemischen Industrie nachhaltig beeinflussen.

Manchots Münchner Zeit muß man aus der jungen Tradition der Liebigschen Schule verstehen. Seit nämlich Liebig von König Ludwig I. im Jahre 1852 nach München berufen worden war, hatte sich dort die Chemie zu herausragender Bedeutung entwickelt. Nach Liebigs Tod (1873) kam Baeyer nach München. Einer seiner Abteilungsleiter war Johannes Thiele, zu dessen herausragenden Schülern Viktor Villiger, Otto Dimroth, und Jakob Meisenheimer gehören sollten. Erste Publikationen „Über Derivate des Triazols“ publizierte der junge Manchot gemeinsam mit Thiele in Liebigs Annalen (1898). Dabei handelte es sich damals um ein wichtiges Gebiet, man denke nur an die NCN-Chemie auf Cyanamidbasis und die Gründung der Süddeutschen Kalkstickstoffwerke in Trostberg (heutige SKW Trostberg AG). In den Berichten der Deutschen Chemischen Gesellschaft publizierte Manchot eigenständige Arbeiten (Ber. Dtsch. Chem. Ges. 34 (1901) 2479) „Über Superoxyde des Eisens und die katalytische Wirkung der Eisensalze“. Es entstand eine Arbeit über die Oxidation von Hydrazotriazol mit Luft zum Azo-Derivat unter Freisetzung von Wasserstoffperoxid. Die mechanistische Erklärung der Alkali-Katalyse hatte eine Relevanz für physiologische Vorgänge und zog Parallelen zur Sauerstoffaufnahme im Blut. Bald darauf entsteht eine Arbeit „Zur Theorie der Oxydationsprozesse“, die der junge Privatdozent zu Göttingen in den „Annalen“ publiziert (Bd. 325, Jg. 1903).

Das Intermezzo in Paris hinterlässt Arbeiten über Silizium und Silizide, über die Löslichkeit von Silicium in Flußsäure und sein Verhalten in Salzschmelzen. Eine Arbeit über Rutheniumsilicid erscheint in den Akademieberichten von 1903. Henri Moissan (1852 – 1907), Nobelpreisträger des Jahres 1906, hat als einer der bedeutendsten Experimentalchemiker seiner Zeit eine große Prägekraft auf den jungen Manchot ausgeübt.

In einer Publikation „Über Constitutionsbestimmungen von Siliciden“ (1906) nimmt Manchot Bezug auf die konstitutionelle Vielfalt dieser Stoffklasse: „Aus der empirischen Formel (kann man) nur in vereinzelten Fällen erkennen, welche Vorstellung man sich von dem Zusammenhange der Atome zu machen hat.“ Die quantitative Wasserstoffbestimmung bei der Säurezersetzung entwickelt Manchot als analytische Methode.

Die Würzburger Zeit ist als logische Fortsetzung der Oxidationsarbeiten zu verstehen. Die „Untersuchungen über die Sauerstoffbindung im Blute“ (Liebigs Annalen, Jg. 1909) sind aus heutiger Sicht wichtige Initialarbeiten über Oxidationsmechanismen. Sie führen konsequent auf die späteren komplexchemischen Arbeiten Manchots hin: „Besonderes Interesse schien mir die Kohlenoxyd-Verbindung des Kupferchlorürs zu verdienen, denn die entstehende Verbindung CuCl·CO·2H2O kann nach der Strukturlehre nicht gedeutet werden; es muß hier vielmehr eine molekulare Anlagerung stattfinden.“ Manchot spricht in diesem Kontext von „dissoziierten Complexen“, und er fährt fort: „Die Ähnlichkeit dieser Erscheinung mit dem Gasbindungsvermögen des Hämoglobins fällt in die Augen, um so mehr, als es ja kupferhaltige Blutarten giebt.“ Hier scheint die fachliche Nähe zu Rudolf Weinland auf, der sich etwa zeitgleich in Tübingen mit der damals modernen Wernerschen Koordinationslehre befasste. Aber auch auf Hans Fischer, den nachmaligen Nobelpreisträger, wirft diese Thematik ein Licht voraus.

Als Manchot an der Technischen Hochschule München als neuer Ordinarius im Alter von 45 Jahren antrat, hatte die dortige Chemie in der Reihe Erlenmeyer – Miller – Muthmann eine gute Reputation erreicht. Manchot entwickelte als Hauptforschungsgebiet die Komplexchemie der Übergangsmetalle von Stickstoffmonoxid, Ethylen und Kohlenmonoxid. Er befaßte sich mit der Anlagerung dieser Moleküle an gelöste und feste Metallsalze. Darüberhinaus interessierten ihn Stickoxid-Verbindungen, insbesondere „Raschigs Blaue Säure“ – das ist die „Dinitrosylsulfonsäure“ [N2O2]+[HSO4]-, wie sie aus Stickstoffmonoxid und dem Nitrosylkation (NO + NO+) im Bleikammerverfahren entsteht. Die exakte Struktur des Kations ist bis heute unbekannt, es gibt keine Einkristall-Strukturanalyse.

In Manchots Literatur finden wir auch Arbeiten über die Roussinsche Salze, das sind sulfidoverbrückte Nitrosylmetall-Kationen von Eisen, Cobalt und Nickel. Manchot machte sich darüberhinaus in der Analytik verdient, indem er die Bromometrie als analytische Methode einführte und damit Bunsens Iodometrie auf wertvolle Weise ergänzte.

[BrO3]- + 5 Br- + 6 H+ → 3 Br2 + 3 H2O

Wilhelm Manchot war ein durchaus streitbarer Wissenschaftler, wenn es um die Kommentierung von Publikationen ging, die im Experimentellen die erforderliche Präzision vermissen ließen. Bezüglich der „Blauen Säure des Bleikammerprozesses“ fing Ernst Berl (Darmstadt) einen Streithändel mit Manchot an, mußte sich aber letztlich geschlagen geben. Berl hatte die „Blaue Säure“ als Reduktionsprodukt der Nitrosylschwefelsäure formuliert, was von Manchot als Additionsprodukt von Stickstoffmonoxid korrigiert wurde (Z. Anorg. Allg. Chem. 213 (1933) 255). Ein weiteres Mal geriet Manchot mit H. Reihlen wegen des „einwertigen Eisens“, das dieser für die Roussinschen Salze postuliert hatte, in einen heftigen Streit. In Liebigs Annalen liest man ein bitteres „Schlusswort an Herrn H. Reihlen, von W. Manchot und H. Gall“ (Jg. 1928, S. 305): „Herr Reihlen bezeichnet unsere Überlegungen als gänzlich sinnlos (S. 82): er meint, wir hätten uns „nur sehr primitiver Hilfsmittel bedient“ (S. 75), während er seine eigene Arbeitsweise ... als den „elegantesten Weg“ bezeichnet. Dieser – auch im übrigen – von Reihlen angeschlagene Ton verbietet es meinen Mitarbeitern und mir, mit Herrn Reihlen weiter zu diskutieren – ganz abgesehen davon, dass diese Diskussion unerträglichen Umfang annehmen müsste ... . Wir überlassen es gern Herrn Reihlen, durch seitenlange Strukturformeln und Reaktionsgleichungen die Grundlagen für die Erforschung der Karbonyle zu schaffen.“

Aus heutiger Sicht war Reihlen zwar ein verdienstvoller Komplexchemiker, der u. a. die Chemie der Metall-Olefin-Komplexe vorantrieb [z. B. (π-C2H4)Fe(CO)4]. Manchots wissenschaftlicher Horizont war jedoch größer, da er sich mit dem Phänomen der Komplexbildung an niedervalenten Übergangsmetallzentren im grundsätzlichen befasste und dabei die experimentelle Basis für die spätere Metallcarbonyl-Chemie legte. Manchot synthetisierte die ersten Kohlenmonoxid-Komplexe von Iridium und Gold (mit H. Gall, 1925) sowie des Osmiums, Rhodiums und Palladiums (mit J. König).

Publikation von Geheimrat Wilhelm Manchot und seinem Mitarbeiter J. König (1925) über den
ersten Carbonylkomplex des Osmiums, erschienen in der Zeitschrift für Anorganische und
Allgemeine Chemie

Die Publikation mit seinem Sohn Willy Manchot (1936) galt den Carbonylruthenium- Komplexen und leistete nochmals eine große Bestandsaufnahme der Metallcarbonyl- Chemie seit der grundlegenden Entdeckung des Tetracarbonylnickel durch Ludwig Mond im Jahre 1890.

Publikation von Geheimrat Wilhelm Manchot und
seinem Sohn Willy Manchot, erschienen in der Zeitschrift
für Anorganische und Allgemeine Chemie.

Bei aller Vielseitigkeit bildet Manchots 40jährige Schaffensperiode ein geschlossenes Werk, das sich durch zahlreiche Arbeiten mit solidem Praxisbezug auszeichnet. Eines der durchgängigen Qualitätsmerkmale ist die wissenschaftliche Genauigkeit. Noch heute stellt man z. B. das Carbonylchlorogold, (CO)AuCl, nach Manchots Originalvorschrift aus Tetrachlorogoldsäure und Kohlenmonoxid her:

H[AuCl4] + 2 CO → (CO)AuCl + Cl2C=O + HCl

Betrachtet man das zeitgeschichtliche Umfeld, so sieht man den jungen Manchot in einer Zeit innerstaatlicher Festigung, die geprägt war durch die Vereinheitlichung der Gesetzgebung von Maß, Gewicht und Geldwährung. In den Gründerjahren erfolgte ein enormer wirtschaftlicher Aufschwung, Berlin und München wurden Zentren der Industrialisierung, der Weg zum Industriestaat wurde geebnet. Die wesentlichen staatsformenden Einflüsse kamen aus den Kaufmanns- und Pfarrershäusern. Dieser gehobene Bürgerstand gewinnt durch intellektuelle, wissenschaftliche und wirtschaftliche Leistung und wird in seiner Stellung fast dem Adel ebenbürtig. Pfarrershäuser waren Hort der Bildung und des fortschrittlichen Denkens in rigoroser Klarheit. Kennzeichnend war die geradlinige Geisteshaltung, die mit einer konservativen, eher bescheidenen Lebensführung einherging: Das war das Umfeld von Manchot ebenso wie jenes seines Nachfolgers Hieber, ebenfalls ein Pfarrerssohn. Die erste Sozialgesetzgebung Bismarcks war ganz erheblich von diesem Geist beeinflusst. Dieser Geist war der Gegenpol zur Verherrlichung des Militärs mit dem preußischen Leutnant als Prototyp. Die Gelehrtenstadt Göttingen, wo Manchot als Dozent war, bildete das Zentrum der Naturwissenschaften Humboldtscher Prägung. Dort hatte auch Bismarck studiert.

Manchots Studienjahre fallen in die Zeit grenzenloser Fortschrittsgläubigkeit, als man „an die Wissenschaft mehr glaubte als an die Bibel“ (Stefan Zweig, Erinnerungen eines Europäers, posthum 1947). In den Jahrzehnten des Kaiserreichs erfuhr das deutsche Hochschul- und Bildungswesen einen vorher nie gekannten Aufschwung und eine beispiellose Differenzierung: Zwischen 1868 und 1910 wurden 11 (!) Technische Hochschulen mit Promotionsrecht in Deutschland gegründet. Die Technischen Hochschulen leisteten auch entscheidende Beiträge zur technischen Umsetzung der akademischen Chemieforschung.

Das rasche Aufblühen der chemischen Industrie in Deutschland wäre ohne den geistig-ideellen Nährboden der Universitäten und der Wechselwirkung zwischen Hochschule und Industrie unmöglich gewesen. Eine Industrie, die hauptsächlich von den Erkenntnissen der wissenschaftlichen Forschung lebt und ihr die originären Schübe des Fortschritts verdankt, lag genau auf der Linie des Zeitgeistes. Die chemische Industrie war in Deutschland nicht nur zum richtigen Zeitpunkt begründet worden, sie wurde nun auch von dieser neuen geistigen Strömung getragen und vorangebracht. Die industrielle Forschung kam deutlich nach der Jahrhundertwende auf und war in der Chemie erst für die IG-Farbenzeit typisch.