Prof. Dr. Günter Scheibe

Günter Scheibe wurde am 24. November 1893 in München als Sohn eines Hals-Nasen-Ohren-Arztes geboren, der später als Leiter der HNO Klinik an die Universität Erlangen berufen wurde. Günter Scheibe besuchte das humanistische Theresiengymnasium und schrieb sich nach seinem Abitur 1913 an der Münchner Ludwig-Maximilians Universität (später LMU genannt) für das Chemiestudium ein. Er war vom Waffendienst im ersten Weltkrieg wegen eines kleinen Herzfehlers befreit, diente aber als Krankenpfleger (1914/15) und konnte dann bald sein Chemiestudium fortsetzen, wobei er das Schwergewicht zur Organische Chemie, insbesondere der Farbstoffe verlagerte.

In München lehrten zu dieser Zeit so herausragende Persönlichkeiten wie Willstätter (Nobelpreis 1915), Wieland (Nobelpreis 1927), die Physiker Röntgen (Nobelpreis 1901), Wien (Nobelpreis 1911) und auch Sommerfeld. Günter Scheibe folgte seinem Vater nach Erlangen, da dieser dort als Leiter der HNO- Klinik an die Universität Erlangen berufen wurde. Er wechselte an die Friedrich-Alexander-Universität nach Erlangen, wo er 1918 bei dem Farbstoffchemiker Otto Fischer mit dem Thema „Zur Kenntnis der Cyanine (Chinocyanine))“ promovierte. Für die Charakterisierung der Farbstoffe diente ihm die Absorptionsspektroskopie im sichtbaren Bereich, die ihn auch sein ganzes Forscherleben begleitete.

Im selben Jahr synthetisierte er das N,N'-Diäthyl-2,2'-cyanin (von ihm Pseudoisocyanin genannt), das in vielen seiner Arbeiten eine zentrale Rolle als Modell für intermolekulare Wechselwirkungen spielte, das aber auch praktische Anwendung als Infrarot-Sensibilisator in der Photographie erlangte.

Nach einer kurzen Tätigkeit als Assistent an der Medizinischen Akademie Düsseldorf habilitierte er sich 1922 als Assistent von Max Busch in Erlangen mit einer Arbeit über die Konstitution organischer Farbstoffe. Er erhielt den Auftrag am dortigen Institut für angewandte Chemie eine physikalisch-chemische Abteilung aufzubauen, wurde 1924 zum a.o. Professor ernannt und übernahm die Leitung der Abteilung.

1928 war er Gast bei James Franck in Göttingen. Er lernte dort neue Techniken, wie die Vakuum-UV-Spektroskopie und brachte seinerseits einige interessante chemische Fragestellungen mit ein. Hier begann auch die lebenslange freundschaftliche Zusammenarbeit mit G. Herzberg (Nobelpreis 1971) aus der aber auch einige wissenschaftliche Veröffentlichen hervorgingen.

Rufe nach Greifswald (1924), an die Technische Hochschule Prag (1929) und Kiel (1929) lehnte er ab. 1930 wurde die Physikalisch-chemische Abteilung in Erlangen zum Ordinariat erhoben. Als dann 1932 an der Technischen Hochschule München ein Institut und Ordinariat für Physikalische Chemie eingerichtet wurde übernahm er mit seiner Berufung am 1.April 1932 dessen Leitung und Aufbau. Auch einen weiteren ehrenvollen Ruf nach dem Krieg nach Göttingen in Nachfolge von Arnold Eucken lehnte er 1951 ab und blieb bis zu seiner Emeritierung 1961 seinem Institut treu.

G. Scheibe wurde 1961 emeritiert, betreute aber bis fast zum 80. Lebensjahr noch einige Arbeiten. Das wissenschaftliche Werk von Günter Scheibe (ca. 160 Publikationen) ist beherrscht von der Frage nach dem Zusammenhang zwischen Farbe und Konstitution. Sein bevorzugtes Hilfsmittel war die Spektroskopie, zu deren Entwicklung er selbst wesentliche Beiträge geliefert hat. Schon in seiner Dissertation kennzeichnete er die von ihm dargestellten Cyaninfarbstoffe, darunter das neu synthetisierte Pseudoisocyanin, durch ihre charakteristischen Lichtabsorptionsbanden. In einer unmittelbar folgenden Arbeit beschrieb er eine Verbesserung des Handspektroskops. Die Spektroskopie diente ihm bei seinen weiteren Arbeiten nicht nur zur qualitativen, sondern auch zur quantitativen Analyse und zur Erforschung der Elektronenstruktur von Molekülen. Mit der 1924 von ihm entwickelten photographischen Methode hat er Ultraviolett -Absorptionsspektren aufgenommen, wie sie die modernen lichtelektrischen Geräte von heute kaum besser liefern. Mit Pummerer untersuchte er die Konstitution des Kautschuks und stützte aus der UV-Absorption die Ansicht, dass nur isolierte Doppelbindungen vorhanden sind (1927). Er entdeckte die Elektronenaffinitätsspektren der Halogenionen und brachte sie in Beziehung zu ihren Redoxpotentialen (1927/28). Mit Hilfe der dabei gewonnenen Erkenntnisse deutete er, zusammen mit G. Herzberg, die Schumann-Spektren der Methylhalogenide.

1936 fand er die Assoziation des Pseudoisocyanins (das er schon 1918 synthetisiert hatte) und anderer Cyanine zu den "reversiblen Farbstoffpolymerisaten" mit ihren charakteristischen Assoziatbanden. Diese Entdeckung und die darauf fußenden Arbeiten sind es vor allem, die Scheibes Namen bei den physikalisch orientierten Organikern und Photochemikern weltweit bekannt gemacht haben. Die Assoziate erwiesen sich als besonders geeignete Modelle zum Studium der zwischenmolekularen Kräfte, der Energieleitung und des Mechanismus der spektralen Sensibilisierung photographischer Schichten. G. Scheibe entdeckte, dass die Assoziation durch Wechselwirkung mit biochemisch und medizinisch interessanten Substraten sehr spezifisch begünstigt werden kann (1958). Er gründete darauf einen empfindlichen Nachweis für Mucopolysaccharide (1967 mit Vogt und Suschke). An den monomeren Farbstoffen entdeckte er eine einfache Beziehung zwischen Lichtabsorption und Basizität; beim Versuch, diese zu deuten, machte er die für Abschätzungen sehr nützliche, merkwürdige Beobachtung, dass die Termdifferenzen gewisser angeregter Zustände der verschiedensten Moleküle denjenigen des Wasserstoffatoms sehr ähnlich sind (1952). Im Zusammenhang mit der Entwicklung der Theorie der Molekülspektren stehen Untersuchungen mit polarisiertem Licht über die Lage der Übergangsmomente innerhalb der Moleküle. Ein frühes Beispiel dafür ist der Nachweis einer bevorzugten Orientierung der aromatischen Ringe im Tabakmosaikvirus, zusammen mit A. Butenandt (1942). Die photochemische trans-cis-Umlagerung, die bei einfachen Cyaninen gefunden wurde (1954), war Anlass zu theoretischen und experimentellen Arbeiten über die Elektronenverteilung in organischen Verbindungen. Auch das Studium der Tautomerie der Dichinolylmethane diente zur Aufklärung des Zusammenhangs zwischen Elektronenstruktur und Lage des Gleichgewichts.

Neben der Absorptionsspektroskopie begann Günter Scheibe bereits 1928 mit der Anwendung der Emissionsspektroskopie in der quantitativen Analyse von Metallen, die später auch auf Glas und andere nichtleitende Materialien ausgedehnt wurde. Sie führte zu verschiedenen apparativen Entwicklungen und zu neuen Einsichten in den Entladungsvorgang.

Als akademischer Lehrer hat G. Scheibe eine große Zahl von jungen Wissenschaftlern begeistert und sie zum Gebrauch ihrer Phantasie angeregt. Allen hat er große Freiheit gewährt und auch Gebiete gefördert, die nicht in seinem unmittelbaren Interesse lagen, wie: Röntgenstrukturanalyse (W. Hoppe), Elektrochemie (C. A. Knorr), Theoretische Chemie (E. Ruch) und wissenschaftliche Photographie (H. Frieser). Seine Vorlesung war im Aufbau unkonventionell, oft von interessanten Seiten- und Ausblicken unterbrochen. Stets mühte er sich um didaktisch klare Modelle für komplizierte Vorgänge. Sein zeichnerisches Talent kam ihm bei seinen Tafelskizzen zu gute. Scheibe hatte eine besondere Affinität zur Medizin und Biologie. Seine zweite Frau (seine erste war früh verstorben), drei seiner vier Kinder und beide Schwiegersöhne sind Mediziner.

An seinem Institut herrschte auch in politisch und wirtschaftlich schwierigen Zeiten, so während der kriegsbedingten Auslagerung in das Berghotel Sudelfeld bei Bayrischzell und beim Wiederaufbau in den Fünfzigerjahren, eine warme Atmosphäre der gegenseitigen Achtung und Hilfsbereitschaft aller Mitglieder. Er liebte die Geselligkeit bei Feiern im Institut und auf gemeinsamen Wanderungen, während er sich von der "großen Gesellschaft" zurückhielt.

Außerhalb der Hochschule war G. Scheibe maßgeblich an der Einrichtung der neuen chemischen Abteilung des Deutschen Museums beteiligt, dessen Vorstand er über viele Jahre angehörte. Er ist Mitbegründer der Spectrochimica Acta und war Mitherausgeber der Berichte der Bunsengesellschaft für physikalische Chemie. Als Fachgutachter der Deutschen Forschungsgemeinschaft stellte er seine breiten Kenntnisse in den Dienst der Forschungsförderung.

Die vielseitigen wissenschaftlichen Leistungen von G. Scheibe fanden Anerkennung durch seine Berufung in die Bayerische Akademie der Wissenschaften (1940), die Deutsche Akademie der Naturforscher, Leopoldina, in den Senat der Fraunhofergesellschaft und in die Vorstände des Deutschen Museums und des Deutschen Spektroskopikerausschusses.

Die Ludwig-Maximilians-Universität München verlieh ihm am 04.12.1963 den Dr. rer. nat. h.c., die Universität Erlangen-Nürnberg ebenfalls den Dr. rer. nat. h. c. am 08.06.1966. Von der Gesellschaft Deutscher Chemiker wurde ihm 1964 die Liebig-Denkmünze verliehen. Der bayerische Staat zeichnete ihn im Jahre 1968 mit dem bayerischen Verdienstorden aus.

 

Festvortrag "25 Jahre Ehrenpromotion" am 30.4.1991

 

(F. Doerr, Nachruf zum Tode von Günter Scheibe am 31.Mai 1980 in Stuttgart, sowie

Ber. D. Bunsenges. f. phys. Chem. Vol. 100 Issue 4 p 508-516, April 1996,

E.W.Schlag, Bayer. Akad. d. Wissenschaften, Nachruf zum Tode G. Scheibe)

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