Die Geschichte der Physikalischen Chemie an der TH/TU München

Recherchiert von Dr. Edmund Cmiel

1. Allgemeines zu den Anfängen der Physikalischen Chemie
2. Lehre der Physikalischen Chemie an der THM bis 1932
3. Lehrstuhl für Physikalische Chemie I
4. Lehrstuhl für Physikalische Chemie II / Biophysikalische Chemie
5. Lehrstuhl für Theoretische Chemie

Allgemeines zu den Anfängen der Physikalischen Chemie

Der Begriff „Physikalische Chemie“ soll schon von dem russischen Universalgelehrten M.W. Lomonossow (1711-1765) definiert worden sein: „Physikalische Chemie ist eine Wissenschaft, die auf der Basis physikalischer Begriffe und Experimente die Phänomene erklärt, die sich während chemischer Prozesse ereignen“.

Es verging aber noch mehr als ein Jahrhundert bis mit Ostwald, van´t Hoff u.a. einschlägige Fachzeitschriften gegründet wurden aus denen dann schließlich die „Berichte der Deutschen Bunsengesellschaft für Physikalische Chemie“ hervorging. (Ulrich Schindewolf, Bunsenmagazin, 2. Jahrgang 6/2000 S. 138-147)

In diesem Jahrhundert, aber auch schon davor, wurden grundlegende Erkenntnisse gewonnen, die heute als selbstverständlich der Physikalischen Chemie zugeordnet werden. Beispielhaft seien genannt die Gasgesetze (Boyle-Mariotte, Avogadro), Spektroskopie (Bunsen), Lösungsgleichgewichte (Ostwald), Elektrochemie (Nernst).

So war es nur eine Frage der Zeit bis die „Physikalische Chemie“ als eigenständiges Lehr- und Forschungsfach an den Universitäten seinen Platz finden sollte.

M. Zeidler (Bunsenmagazin 10. Jahrgang 3/2008) zeigt auch die Gründungen von Abteilun­gen und Lehrstühlen als erste Anfänge für Physikalische Chemie (tabellarisch) auf. Universitäten, wie die in Göttingen (1896) mit Nernst (Nobelpreis 1920), Leipzig (1898) mit Ostwald (Nobelpreis 1909) und Karlsruhe (1900) mit LeBlanc, gründeten aber, nach eigener Darstellung in ihren Jubiläumsschriften, völlig eigenständige Institute und Lehrstühle für Physika­lische Chemie und nehmen jeweils für sich in Anspruch, die ersten in der Gründerreihe gewesen zu sein. Die Humboldt Universität Berlin nennt 1878 als Gründungsjahr eines Instituts für Physikalische Chemie, doch dürfte mit der Berufung von Nernst (1904) die Physikalische Chemie in Berlin an der HU ihren tatsächlichen Anfang genommen haben. Dieser Aufstieg der Physikalischen Chemie ist von gemischten Gefühlen begleitet gewesen. Vor der Berliner Akademie der Wissenschaften schwärmte der Physiologe Emil du Bois-Reymond: im Gegensatz zur modernen Chemie (d.h. der organischen Chemie) ist die Physikalische Chemie die Chemie der Zukunft (1882). Andererseits lesen wir in den Briefen von Carl Duisberg (Leiter der Bayer-Werke): Die Physikalische Chemie ist eine Spezialität, die nur Ostwalds und Nernsts Schüler forcieren und die als Modesache viel poussiert wird, die aber dem Chemiker in der Praxis gar nichts nützt (1897). Und 20 Jahre später hat dieser Industrieführer noch immer die gleichen Vorurteile, die er in einem Brief an Fritz Haber bezüglich der physikalisch-chemischen Doktor-Dissertanten dokumentiert: … es dürfte Ihnen nicht unbekannt sein, dass die Technik alle solche Bewerber ablehnt und nach vielfachen Erfahrungen auch nicht gebrauchen kann … diese jungen Chemiker tun mir leid … .

(aus Schindewolf: 100 Jahre Inst. f. Phys. Chem. an der Uni Karlsruhe, Bunsenmagazin 2. Jhrg. 6/2000)

Der Weg der TH/TUM für eine eigenständige Physikalische Chemie war zu dieser Zeit dementsprechend, aber nicht nur deswegen, noch weit und steinig.

© 2013 Dr. Edmund Cmiel

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