Wilhelm von Miller (1848 - 1899)

Erlenmeyers Nachfolger im Amt des Abteilungsleiters wird Wilhelm von Miller, Sohn des berühmten Erzgießers Ferdinand von Miller, dem Erschaffer der Bavaria, und Bruder von Oskar von Miller, dem Gründer des Deutschen Museums. Von Miller studiert ab 1868 zunächst Jura in München und Berlin. Die Vorlesungen Liebigs veranlassen ihn jedoch, 1871 ein Chemiestudium bei Erlenmeyer zu beginnen. Da die Berufung Liebigs nach München unter der Voraussetzung geschah, keine Studentenpraktika führen zu müssen, ist die Polytechnische Schule zu dieser Zeit die einzige Chemiestudienmöglichkeit in München. Groteskerweise muß von Miller 1874 für die Promotion über die Bestandteile des Storax, einem Holzbalsam, trotzdem an die Universität wechseln, da die Technische Hochschule noch kein Promotionsrecht besitzt.
1875 habilitiert er sich mit einer Arbeit über "Die Alkohole und ihre Oxydationsprodukte" und wird Privatdozent an der Technischen Hochschule, wo er Vorlesungen über Analytische Chemie hält. Im folgenden Jahr gründet er zusammen mit anderen die Münchener Chemische Gesellschaft, die auch heute noch ein wichtiges wissenschaftliches Forum darstellt.
Eine Studienreise durch deutsche Universitäten führt in 1879 nach Berlin in das Labor Hofmanns, wo er den Grundstock für seine spätere Farbstoffchemie, vor allem der Chinaldinbasen legt. 1880 nimmt er seine Lehrtätigkeit in München wieder auf und wird 1883 der Nachfolger Erlenmeyers an der Technischen Hochschule.

Von Miller zeigt stets großes Interesse an Kunsthandwerk und Farbstoffen. Er klärt das Geheimnis der cyprischen Goldfäden und die Strukturen einer Reihe der damals neu aufkommenden Azofarbstoffe, die nach Geheimrezepten, d.h. patentfrei hergestellt werden, z.B. 1880 das Rouge français von Poirrier und Biebricher Scharlach von Nietzki, 1891 das Aldehydgrün von Usèbe und 1896 dessen Weiterentwicklung von Lucius.

Hiervon leiten sich auch Untersuchungen der Schiffschen Basen und ihrer Cyanaddukte ab. Mit Doebner arbeitet er 1881-84 an der Chinaldinsynthese.

Einen wesentlichen Beitrag zur Strukturaufklärung des Chinins leistet er zusammen mit Rhode, als er die Umwandlung von Cinchonin in Cinchotoxin studiert.
Von 1886 an gelingt es ihm, unterstützt durch seinen Schwiegervater, dem Münchner Großbrauereibesitzer Sedlmayr, das erste elektrochemische Labor Deutschlands einzurichten. Hier werden erste Arbeiten zur Elektrolyse organischer Verbindungen durchgeführt. Die zukunftsgerichtete Einstellung von Millers zeigt sich besonders in der Tatsache, daß er bereits kurz nach der Entdeckung der Röntgenstrahlen im Jahr 1895 das erste Labor für Röntgenstrahlungsversuche mit Praktikumsraum in Betrieb nimmt.

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