Stefan Goldschmidt (1889 - 1971)

Nach dem Krieg ist es nicht einfach, unbelastete Chemiker zu finden, die die schwierige Aufgabe des Wiederaufbaus übernehmen wollen und können. Walter Hieber gelingt es nach langem Bemühen, hierfür Stefan Goldschmidt zu gewinnen.
Stefan Goldschmidt studiert unter v.Baeyer in München Chemie und promoviert 1912 bei Dimroth mit einer Arbeit "Über den Abbau der Laccainsäure" einem Farbstoff des Stocklacks. Seinem Doktorvater folgt er auch kurz darauf nach Greifswald. 1913 erscheinen seine erste Publikationen über das Phenyldiimin und Phenyldichloramin, beides nicht ganz ungefährliche Arbeitsgebiete.
Nach einer Kriegsteilnahme als Artillerieoffizier von 1914-1918 gibt es 1919 einen neuen Start und einen Umzug nach Würzburg. Auf der Suche nach spezifischen Oxidationsmitteln für aromatische Amine beschäftigt sich Goldschmidt zuerst mit dem Gleichgewicht des Systems HOCl und Cl2O, findet dann jedoch in PbO2 das Mittel der Wahl. Erstmalig gelingt ihm hiermit die Darstellung des Diphenylpikrylhydrazils einem stabilen N-Radikal, und somit das erste Analogon zu Wielands Diphenylstickstoff.

Der Habilitation im Jahr 1920 folgen grundsätzliche Untersuchungen über das Auftreten von radikalischen Zwischenstufen bei Oxidationsreaktionen. 1923 wird Goldschmidt an die Technische Hochschule Karlsruhe berufen, wo er 1927 ordentlicher Professor und 1929 Direktor des Organisch-chemischen Laboratoriums wird. Sein Arbeitsgebiet erstreckt sich nun auch auf den oxidativen Abbau von Proteinen, im speziellen Seidenfibroin, mit Hypobromit und Hypojodit. Die Erkenntnis, daß die Reaktionsgeschwindigkeit stark von sterischen Effekten abhängen kann, führt ihn zu Betrachtungen über die räumliche Anordnung der Atome und 1933 schreibt der den Band "Stereochemie" in Eucken-Wolfs Handbuch der Chemischen Physik, für lange Zeit das Standardwerk auf diesem Gebiet.
1935 wird Goldschmidt als "Nichtarier" aus dem Hochschuldienst entlassen und arbeitet noch kurze Zeit mit Hilfe der Industrie in einem Privatlaboratorium. 1938 emigriert er nach Holland, wo er eine Stellung als Forschungsleiter der niederländischen Organon in Nijmegen findet. Hier entwickelt er eine, mit kriegsbedingt einfachen Mitteln gut durchführbare Synthese von Vitamin C.
Im Nachkriegsjahr 1946 wird er als Nachfolger von Fischer an die Technische Hochschule in München berufen, wo er die schwere Aufgabe hat, das Institut, zum größten Teil ein Trümmerhaufen, wieder aufzubauen. Doch bald erscheinen erste Arbeiten: Radikale aus der Fettsäureelektrolyse werden als Starter von Polymerisationsreaktionen untersucht. Die wohl bedeutendsten Erfolge werden mit zwei neuen, unter Erhalt der optischen Konfiguration verlaufenden Peptidsynthesen erzielt, die zu einer neuen Glutathionsynthese führen.

Mitte der 50er Jahre können auch apparativ anspruchsvollere Arbeiten aus der Pharmakologie aufgenommen werden: der Abbau der Barbitursäurederivate Veronal und Phanodorm in vitro und in vivo wird aufgeklärt.

Die neu aufkommende Isotopenmarkierungstechnik setzt Goldschmidt zu Arbeiten über die Biosynthese von Fettsäuren und über den Zuckerabbau im Organismus ein.

© Copyright 2000, Dr. Eric Fontain, TUM